Mittwoch, September 20, 2006

Unsere Liebe Frau vom Ahorn - 8


Digitalfotoaufnahme von Heinz Hongler, August 2006

Nun laßt uns vertrauensvoll wallen zur Mittlerin aller Gnaden!

Was immer wieder in den Ahorn locken wird, das sind die schönen Pilgerwege und die beglückende Einzigartigkeit des Wallfahrtsortes selbst.
Von Appenzell führt die breite, moderne Verkehrsstraße nach dem Weißbad, dem weitberühmten Kurort. Sanft steigt von da die Triebernstraße an. Bald zweigt links von ihr der Wildkirchliweg ab, rechts erinnert die Heimet "Wees" an die Stätte, wo vor 50 Jahren die drei Begründer der ersten Kapelle ihre Beratungen pflegten. Hier überrascht auch bereits der erste Blick auf die Ahornkapelle fern im Westen, und der Pilger wird das erste Ave mit freudigem Vertrauen aus tiefster Seele der Gnadenmutter entgegenjubeln. Auf fast ebener Straße weiterziehend, hat er dann Gelegenheit, sich als Pilger zu fühlen und zu betätigen. Ein priesterlicher Ahornwallfahrer hat diesen Weg über Triebern mit dem freudenreichen Rosenkranz verglichen, weil er leicht, meist eben, zwischen anmutigen Matten und Heimwesen lieblich hindurchführt. Gegen Lehmen zu steht auf einmal in greifbarer Nähe das Heiligtum unserer Sehnsucht vor Augen. Noch trennt der tiefe Einschnitt des Weißbachtobels. Links orgeln die Wasser des Leuenbachfalles. Unser Pfad führt nun rechts hinunter. Tannenduft und Kühle laben den Pilger. Bevor er über den Weißbachsteg schreitet, lädt ein einfaches Bildstöcklein ein zum Gruß an den großen Muttergottes-Wallfahrer und Friedensmann, Bruder Klaus. Wir beten ihm sein Ave Maria nach, wie es im Gebetsteil des Büchleins steht. Wenn der Steg überschritten ist, beginn noch eine strenge Steigung mitten im Waldesschatten. Nun ist das Ziel erreicht. Wie offene Mutterarme und aufgetanes Mutterherz nimmt uns das Heiligtum auf.
Ein zweiter Pilgerpfad führt uns über "Sonnenhalb", er ist etwas mühsamer, beschwerlicher. Bis halbwegs von Appenzell über Unterrain begleiten uns die Stationen des Kreuzweges und enden bei der Kapelle der Schmerzhaften Mutter. Sie ladet zur kurzen Rast ein, damit wir uns teilnehmend einfühlen in die schmerzhaften Geheimnisse, die Blutrosen Unserer Lieben Frau. Es beginnt der Aufstieg bis Helchen. - Da lugt auf einmal ein Ave Maria lang, idyllisch ins Grün des Waldes eingebettet, das Ziel unserer Sehnsucht hervor - das Ahornkapellchen. Über Weide und Waldwege erreichen wir es bald.
Sursum corda-Stimmung - die Stimmung der Geheimnisse des glorreichen Rosenkranzes, vermittelt der dritte Ahornweg über Kau-Wasserschaffen. Naturschönheiten und entzückende Schau nach Norden über die appenzellische Landschaft mit dem trutzigen Mauritius-Kirchturm, den typisch abgegrenzten Heimwesen, den lieblich sich duckenden Höhen, wie Burgstock und Himmelberg erfreuen das Auge. Gegen Wasserschaffen schlängelt sich der Pfad durch märchenhafte Alpweiden mit Jungwald und Riesentannen - so traut und still ist es, "als müßte die Gnadenmutter jeden Augenblick durchs frische Grün der Tännchen erscheinen". - Links im Osten grüßt für Momente der Silberstreifen des Bodensees mit den befreiten Österreicheralpen.

- Ehrfurcht und Staunen ergreift uns beim Anblick der majestätischen Alpsteinkette mit ihren wuchtigen Felsentürmen, die den Saum von Gottes Größe und Alllmacht wirken. Wie gebannt steht der Pilger einen Augenblick still und jubelt das Lob des Schöpfers mit den Worten der heiligen Urkunde: "Preiset ihr Berge und Hügel den Herrn, alles was grünet auf Erden, preise den Herrn." Abwärts führt uns der Pfad durch die Schlünde des Sönderlibaches, den wir auf einem schmalen Holzsteg überschreiten. In der Tiefe aber schäumt der Weißbach, der einst das Gnadenbild forttrug und bei Gewittern ein ganz böser Geselle werden kann. Nach romantisch verschlungenen Wegbiegungen steht plötzlich die Ahornkapelle in ihrer schönsten Sicht gegen das Säntismassiv vor uns: wir sind am Ziel.
Die beglückende Einzigartigkeit des Wallfahrftsortes selbst! Wir folgen hier einigen aus unser aller Herzen gesprochenen Gedanken des genannten Ahornpilgers. Ja, es gibt Wallfahrtsorte, wo Maria uns besonders nahe kommt, wo sie mütterlich tröstet, wenn wir ihr unser Leid klagen, aber auch mütterlich sich freut, wenn wir ihr unserer Freude jubeln dürfen. Still sollte es sein, heilig still, wo der Gnadenbronnen der Mutter Gottes in die Seele quillt. Im Ahorn ist es feierlich still, darum ist dieser Wallfahrtsort so beglückend und einzigartig. Kein marktschreierisches Gedränge stört die stille Andacht wie an größeren Wallfahrtsorten. Einsam still liegt er inmitten einer herrlichen Natur hineingebettet, hier atmet alles ringsum ursprünglichen Gottesfrieden; hier ist eine beglückende Stätte der Andacht, wirklich ein Gnadenort, wo unerschöpfliche Quellen des Trostes, der Freude und des Friedens fließen.
Darum wollte die Ahornmutter heim aus Sturm und Wetter, heim auch aus liebender Verbannungshut, heim in den Ahorn. Da wollte sie in Ruhe und Einsamkeit ihr mütterliches Mittleramt ausüben, fern von allem Lärm der Welt die Beglückten und Bedrückten trösten, sie, die ja beides, Liebes und Leides ihrer Kinder kennt und teilt. Vertrauende und Verzagte, laßt uns alle glaubensstark und liebewarm zur Mitterlin aller Gnaden pilgern, zur Helferin in allen Anliegen! Hier blüht wirklich "der Blumen eine, die wie keine blüht auf ewig grüner Au!"
Maria, Unsere Liebe Frau vom Ahron, sei uns tausendmal gegrüßt!

Dienstag, September 05, 2006

Gnadenbild "Maria Hilf" in Haslen, Appenzell

Feierliche Übertragung am 12. Oktober 1649

Maria hilf doch mir,
Es fleht Dein Kind zu Dir!
Du bist es ja, die helfen kann,
So nimm Dich, Mutter, meiner an.
Hilf, hilf, hilf, o Maria, hilf.

Du bist der Gnadenthron,
Denn Jesus ist Dein Sohn,
Der sterbend noch vom Kreuz herab
Dich selbst ja uns zur Mutter gab.
Hilf, hilf, hilf, o Maria, hilf.

Du Mutter jeder Pflicht,
Erbitt mir Gnadenlicht,
Dass ich den Weg der Tugend seh',
Drauf weiter geh', nie stille steh'.
Hilf, hilf, hilf, o Maria, hilf.

Stärk uns im letzten Streit,
Es gilt die Ewigkeit.
Und wenn der Sohn das Urteil spricht,
O Mutter, dann verlass uns nicht.
Hilf, hilf, hilf, o Maria, hilf.

Bischöfliche Approbation.

Montag, September 04, 2006

Unsere Liebe Frau vom Ahorn - 7


Digitalfotoaufnahme von Heinz Honzler, August 2006


Sonnige Mutterliebe strahlt Erbarmen, Licht und Wärme aus

Das Zutrauen des gläubigen Volkes wurde reichlich belohnt. Einige interessante Gebetserhörungen mögen hier zum Lobe Gottes, des Dreieinigen und seiner glorwürdigen Tochter, Mutter und Braut, Unserer Lieben Frau vom Ahorn beigefügt werden. Alles selbstverständlich im Sinne des Dekretes von Papst Urban VIII.
1. "Der Sohn einer betagten Mutter war des Gebrauchs der fünf Sinne nicht fähig. Damit das bedauernswerte Kind nur von Mutterliebe betreut und nie fremden Händen übergeben werde, machte sie das Versprechen: Wenn der liebe Gott mein armes Kind vor mir holt, will ich der Mutter Gottes im Ahorn gedenken. Es ging nicht lange und der Jüngling bekam eine Lungenentzündung. Er konnte mit dem Sakrament der hl. Ölung versehen werden und ruht nun auf dem Gottesacker zu St. Moritz der glorreichen Auferstehung entgegen. Die dankbare Mutter starb bald nach ihm. Sie hatte für die Gnadenkapelle im Ahorn ganze 1000 Fr. gespendet."
2. "Eine Witwe mit großem Heimwesen hatte einen wackeren, erwachsenen Sohn. Dieser erkrankte gerade vor der Heuernte an einer lebensgefährlichen Entzündung. In wie großer Sorge stand die Mutter! Sie machte das Versprechen, daß sie der Mutter Gottes im Ahorn reichlich gedenken wolle, wenn der Sohn die Operation gut bestehe und wieder bald arbeiten könne. Alles ging gut vonstatten; bis zum Heuen war der Sohn wieder hergestellt. Die Mutter aber hat ihr Versprechen reichlich gehalten. So sind die Bausteine für ein neueres, größeres Heiligtum im Ahorn zusammen gekommen."
3. "Ein Familienvater beteuert seinem Seelsorger: Ich mag im Haus und Gaden was immer für ein Kreuz haben; es ist mir noch immer geholfen worden, wenn ich eins aus der Familie in den Ahorn geschickt zum Wallfahren."
4. "Ein Siebzehnjähriger erkrankte plötzlich an Kinderlähmung. Die Mutter versprach eine Wallfahrt nach dem Ahorn. Eine merkwürdige Wendung zur Besserung trat ein, bald konnte er aus dem Spitalaufenthalt entlassen werden. Keine Spur gefürchteter Nachwirkungen stellte sich ein, er stand als strammer Soldat an der Grenze."
5. "Ein junger Familienvater konnte unter günstigen Bedingungen ein langersehntes, vielbegehrtes Heimwesen sehr günstig kaufen. Die Frucht einer dafür gelobten Ahornwallfahrt."
6. "Als Anno 1918 die Grippe auch im Tessin unter den Soldaten wütete und manches Opfer forderte, versprach einer, in größter Lebensgefahr, der Ahornmutter in der Heimat fest vertrauend, eine Wallfahrt zu ihrem Heiligtum. Er überstand die Gefahr. Immer wachsende Dankbarkeit zieht seine gesunde neunköpfige Familie des öftern hin, wo Maria, das Heil der Kranken, den lieben Vater gesunden ließ."
7. "Im April 1940 hatte ich den linken Fuß mit heißem Wasser verbrannt. Unter großen Schmerzen fing er an zu eitern. Schon war der Knochen angegriffen. Der Arzt machte wenig Hoffnung. Nur ein außerordentliche Mittel könne helfen. Ich versprach in meiner Not eine Wallfahrt in den Ahorn. Von der Stunde an ließen die Schmerzen nach, im Mai konnte ich wieder gehen und wagte bald den weiten Weg zur Gnadenmutter, um für die auffallend schnelle Hilfe zu danken. - Wie oft kam ich schon mit meiner seligen Mutter in den Ahorn, wie oft durfte ich von meinen lieben Eltern vernehmen, wie sie erhört wurden, auch mir ist im Ahorn immer geholfen. Mögen noch immer mehr Leute mit Anliegen bei der Ahornmutter Zuflucht und Trost suchen und finden."
Diese sieben verbürgten Gnadenerweise mögen das Vertrauen aller belohnen, daß sie, wie so viele, lobpreisend bekennnen: "Vom Ahorn kehrte noch keiner heim ohne Hilfe und Trost." - "Im Ahorn bschüßt's Bete allewil!"
Die aber "nicht erhört werden", möge die Eigenart der Gottesmutter trösten, das Kreuz nicht wegzunehmen, sondern tragen zu helfen. Wenn auch du, wie die meisten Pilger, wieder mit dem alten Kreuz und dem gleichen Leid beschwert heimkehrst, geht doch nicht mehr der gleiche Kreuzträger heim, nicht mehr der mit dem alten Widerwillen und der früheren Verdrießlichkeit. Er kehrt zurück im Bewußtsein: "Maria hat geholfen, weil ich jetzt überzeugt bin, es ist besser für mich, mein Leiden weiter zu tragen!" Nicht erhörte Ahornpilger bekennen großen Mutes: "Wenn ich in diesen schweren Prüfungen nicht Hilfe und Trost im Ahorn gefunden hätte, wäre ich oft in Kummer und Sorge untergegangen. Maria hat geholfen, das Kreuz zu lieben!" Eine wertvolle Gebetserhörung, die seelisches Wunder werden kann.
Mutter vom Ahorn, gütige, milde, strahle weiter Erbarmen, Licht und Wäre aus, allen, die wir kindlich Dir vertrauen!

Dienstag, August 29, 2006

Unsere Liebe Frau vom Ahorn - 6

Die Ahorn-Kapelle
Ölbild von Toni Weishaupt, Aufnahme von Heinz Hongler

Sieghafter, lichtheller Tag

Kaum barg das neue Heiligtum sein kostbares Kleinod, traten auch Gebetserhörungen ein. In den ersten Tagen schon hing ein schwerer, silberner Rosenkranz neben dem Gnadenbild und dabei die handschriftlichen Worte: "Maria hat geholfen, Maria wird weiter helfen." Die Votivgeschenke mehrten sich so, daß man sie sorgsam bewachen mußte und sie schließlich zu einem Kapellfonds verwertete.
Eine merkwürdige Bewegung erfaßte das gläubige Appenzellervolk: Prüfte Krankheit im Familienkreis, plagte Heimweh in der Fremde, suchte Unklarheit in Standes- und Berufssorgen die Zukunft zu verdüstern, bangten Mütter um werdendes Leben, brachten finanzielle Schwierigkeiten kummervolle Tage und schlaflose Nächte; war im Stall nicht alles in Ordnung, mahnten Seuchengefahr und Witterungskatastrophen, daß nur noch Hilfe von oben Rettung bringe, so wurde "in den Ahorn versprochen", so nahmen einzelne oder größere Gruppen nach alter Vätersitte den mühsamen Weg unter die Füße, den Rosenkranz in die Hand, ins Herz aber ein felsenfestes Vertrauen auf die Gnadenmutter, von der "noch nie gehört, daß sie eine Bitte nicht erhört!" Die erste Gemeindewallfahrt mit Kreuz und Fahne hielten die braven Schwendener, aus deren Kreis die drei Initianten stammten.
Keine Schranken hemmten nunmehr den Zug und Gang zur Mutter der Gnade und Barmherzigkeit. Eine Sorge aber drückte von Jahr zu Jahr schwerer: das Ahornkirchlein war zu sehr Bethlehem und Nazareth an Kleinsein und Einfachheit - daß es doch an Weihe und Weite mehr dem Saal von Jerusalem gleichkäme, darin Maria das Pfingstwunder erlebte! Dies wurde immer dringender der leise, dann der immer lautere Wunsch der zahlreichen Pilger. Und die Erfüllung nahte beglückend und ward zu einem lichthellen Tag. Reichgeflossene Almosen, Künstler und Werkmeister, an Geist und Herz, an Kenntnis und Können der hohen Aufgabe würdig, schufen 1937 das neue Ahornheiligtum.



Aufnahme von Heinz Hongler, 7.8.2006

Bis aber der Gottesmutter Bild in das neue Heim einziehen konnte, wies man ihm einen gar würdigen Warteraum an in der Kirche des Frauenklosters "St. Maria der Engel" in Appenzell, in der "Klos". Einst beim braunen Vater in der Ferne, jetzt war es bei den braunen Schwestern in seraphischer Hut. Wie sich die Schwestern im Frauenkloster glücklich schätzten und geehrt fühlten, die Ahornmadonna auf ihrem Herz-Jesu-Altar zu grüßen und Zeuge zu sein der zahlreichen Verehrer. Auch Kleid und Krone der Madonna und des Jesuskindes wurden in diesen Tagen erneuert. Der 25. Oktober sah eine eigene Ahornfeier. In Prozession wurde das Gnadenbild im ganzen Kloster herumgetragen, die Schwestern beteten, sangen und schlossen im Konvent die Marienhausweihe mit dem Lied: "Es blüht der Blumen eine...". Dazu berichtet die Chronik: "In den Augen vieler glitzerte eine Träne; war's eine Freudenträne oder eine Träne der Wehmut beim Gedanken an den baldigen Abschied von unserer uns lieb gewordenen Ahornmutter!" - Sicher war diese Heimsuchung Mariens in der "Klos" ein Dank der Mittlerin aller Gnaden für das unermeßliche Gute, das die Schwestern seit Jahr und Tag durch Gebet und Opfer, durch weise Lehre und guten Rat dem Land und Volk Appenzell getan.
Der 9. November 1937 stieg auf, zwar äußerlich trübe, an Würde aber lichthell und froh, der Tag der Kapellweihe. Von der Pfarrkirche zog die Prozession fort mit anfänglich 500 Pilgern, den Steg in der Blacken passierten gezählte 1192, an der Weihestätte grüßten mit Zuzug derer von Sonnenhalb und Kau über 1300 Pilger das festliche Heiligtum. Die Weihe nahm seine Exzellenz, der hochwürdigste Bischof Dr. Aloisius Scheiwiler von St. Gallen vor mit Assistenz des HH. Dekans Dr. Edmund Locher und seiner schwarzen und braunen Geistlichkeit. Die erhebende oberhirtliche Festansprache betonte die Freude über das neue innerrhodische Heiligtum und begeisterte zu getreuer Nachfolge Christi unter mütterlicher Führung der lieben Gnadenmutter vom Ahorn! Die ergreifende "Ahornprimiz" aber zelebrierte in jugendlicher Frische der 76jährige HH. Kommissär Andreas Breitenmoser, der große Verehrer und Förderer der Ahornmutter und ihrer Wallfahrt. Hin und zurück schritt er den ganzen Pilgerweg, je 3 1/2 Stunden, zu Fuß und laut betend mit. Die erhebenden liturgischen Gesänge des Cäcilien-Männerchores Appenzell lösten alte Volksmarienlieder in weihevollster Feststimmung ab. Eine verdiente einfache Atzung einzelner Gruppen rings um die Kapelle mutete recht evangelisch an; die 84jährige Großmutter Stark leistete Marthadienste. In den Herzen der heimkehrenden Pilger aber mochte der Unterschied zur ersten Kapellweihe freudig stimmen: damals alles so verborgen, fast schüchtern, heute wirklich ein sieghafter, lichtheller Tag, den der Herr seiner Mutter bereitet: "Laßt uns Freude haben und frohlocken in ihm!"

Nun eine kurze Würdigungdes Heiligtums selbst.
Ein verdienter, begeisterter Freund des Ahorns, Herr Dr. Karl Neff, schrieb in der Kulturbeilage der "Ostschweiz", 1944, Nr. 21: "Aus dem reichen Almosen wurde im Jahre 1937 die neue Ahornkapelle nach den Plänen des Kunstmalers Johannes Hugentobler in Appenzell gebaut. Das Kirchlein ist elf Meter lang und acht Meter breit. Es hat einen scheinbar herkömmlichen Grundriß, ein Rechteck mit an der Chorseite abgeschnittenen Ecken. Wenn man aber die Kapelle näher betrachtet, spürt man, wie der Erbauer in zeitloser Gültigkeit das Kirchlein entwarf, und man sieht, daß bei diesem prächtigen Bau wackere, währschafte Handwerkerarbeit geleistet wurde.
Das Fundament des Kirchleins besteht aus Findlingen des Säntisgletschers, auf die man die drei Meter hohe, kalkbestrichene Ziegelmauer erichtete. Ein steiler Dachstuhl schließt sich an, und oben auf dem First sitzt keck ein sechseckiger Dachreiter, der ebenso wie der Dachstuhl mit Schindeln aus feinjährigem Bergholz gedeckt ist, das vom nahen Kronberg stammt. Ein helles, frohes Es-moll-Glöcklein erfüllt das Tal mit jubelndem Klang und ladet die Besucher zur Sammlung und zum Gebete ein. Das geräumige Vorzeichen mit vier kräftigen Säulen aus Lärchenholz schützt den Eingang zur Kapelle. Von diesem Vorraum erblickt man durch ein breites, kräftiges, eisenbeschlagenes Holzgitter das Innere mit dem originellen, frei im Raume stehenden Altar. Der Altartisch aus Nußbaumholz ist mit schwerem Eisen beschlagen. Die hohe Säule des Altares trägt und hält das Gnadenbild unserer lieben Frau.


Aufnahme von Heinz Hongler, 7.8.2006

Es ist umrahmt von fünfzehn runden, farbensatten Bildern von dreißig Zentimeter Durchmesser, die Kunstmaler Johannes Hugentobler, Appenzell, entworfen hat. Die Firma Fräfel, kirchliche Metall- und Kunstwerkstätte in St. Gallen, hat diese Bilder farbengetreu in Email ausgeführt. Diese Psalterbilder versinnbilden in glutigen Farben die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes. Sie sind wie leuchtende Edelsteine auf einem goldschimmernden Metallteppich verteilt, der frei vom Gebälke des Daches herunter hängt und goldig in dem hellen Raum der Kapelle leuchtet. Unten rechts blühen die Bilder des freudenreichen Rosenkranzes in tiefem Blau als Grundton, links davon mit dunkelrotem Untergrund leuchten die Geheimnisse des schmerzhaften Rosenkranzes, und darüber schweben weit in lichten Himmelshöhen die Darstellungen des glorreichen Rosenkranzes in strahlendem Gelb. Inmitten dieser Farbenpracht, diesem innigen, sinnigen Dreiklang von Erdenfreude, Erdenleid und höchster Himmelsseligkeit, erhebt sich das Gnadenbild der Muttergottes. Die Ahornmadonna ist nicht mehr allein. Sie steht mitten im Leben des Heilandes. Sie ist aber zugleich auch hineingestellt in das ganze Leben des Menschen, das auch zwischen Freud und Leid dahingeht und, wie wir zuversichtlich hoffen, in der Verklärung des Himmels beglückende Vollendung findet.
Ganz geheimnisvoll ist das Licht in der Ahornkapelle. Es gibt dem hohen Raume eine eigene, helle Atmosphäre. In den Seitenwänden sind vier kleine Fenster aus weißem, undurchsichtigem Opalglas eingelassen, damit nichts von außen die Stille und Sammlung störe. Die Hauptlichtquelle aber bleibt dem Beter verborgen. Das Licht strömt heiter aus 19 Fenstern von oben und hinten in die Kapelle, erfüllt den Raum mit unsäglichem Frieden und beleuchtet still und heimelig die Madonna auf dem Altare. Im Innern ist der trefflich gezimmerte, steile Dachstuhl in der Farbe hellbraunen Honigs sichtbar.
Der grasbewachsene, ebene Vorplatz der neuen Wallfahrtskapelle ist weit und umfriedet von kräftigem, niederen Mauerwerk, das mit breiten, rötlichen Melserplatten belegt und bequem zum Sitzen ist. Um diese Mauern wurde ein Tannenlebhag gepflanzt. Ein hölzerner Kreuzhag schützt vorläufig noch die jungen Schosse."
Begreiflich, daß Fachmänner mit Namen dem einzigartigen Werk unseres heimatlichen Maler-Architekten vollstes Lob spenden, begreiflich auch, wenn Kunstmaler Richard Seewald der neuen Kapelle das Urteil eines alten Meisters widmet: "Dich schuf das Herz!" - Der geniale und liebenswürdige Schöpfer von Neu-Ahorn verdient manch dankbares Ave zur Gandenmutter.
Eine Einsendung im "Appenzeller Volksfreund" vom 11. November 1937 bemerkt abschließend: "Der 9. November 1937 war für den Ahorn ein historischer Tag, ist er doch an diesem Tage so recht unserer kleinen Heimat kleines Nationalheiligtum geworden. An diesem Tage ist diese einsame, bach- und waldumrauschte Alpweide größer geworden als die Berge, die sie so gewaltig umstehen. Sie ist und bleibt einer der vielen strategischen Punkte auf der Linie der großen Offensive der Übernatur, mit der Gott eine in Sünde und Materie versunkene Welt auf dem Wege der Liebfrauenminne der Vorahnen zurückerobern will."

Dienstag, August 01, 2006

Unsere Liebe Frau vom Ahorn - 5


Die erste Ahornkapelle: 1895

Aufsteigende Morgenröte über Ahorn

Es muß unsere liebe Männerwelt beglückend stimmen, daß nicht ein armes Mädchen wie in Lourdes, nicht ein unschuldiger Kinderkreis wie in Fatima der Ahornwallfaht Leben und Antrieb brachte, sondern eine Gruppe wackerer Alpsteinbauern, sorgenbedrückte Familienväter mit glaubensstarkem Sinn und liebwarmem Fühlen für die Mutter Gottes. Ihr wollten sie alles sagen, alles klagen, alles trostgewiß anvertrauen. Die folgenden Ausführungen geben ehrenwörtliche, amtlich beglaubigte Aussagen Nächstbeteiligter wieder.

Der Ahorn lebte seit Jahrhunderten als Gnadenstätte der Gottesmutter, aber kein Heiligtum nahm die hilfsbedürftigen Pilger auf, kein Türmchen wies den weiten Pfad, kein Glöcklein lockte mit hellem Klang, kein sakraler Raum sammelte die vertrauenserfüllten Beter. Längst zitterte das Verlangen darnach in ungezählten Herzen.
Aber es blieb beim Verlangen. Die Alpweide war nach einem mächtigen Ahornbaum benannt, der dort wuchs. In seinem ausgehöhlten Stamm konnte ein Mann stehen. So bot er auch Raum für das ehrwürdige Muttergottesbild. Die rauschende Ahornkrone aber sang von Liebe und Vertrauen zur Mittlerin aller Gnaden. Später fand das Bild in einer Hütte Platz.
Anfangs der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts trieb der Pfingstgeist drei Männer zu ernstem Raten über Plan und Bau einer Kapelle im Ahorn. Ihre Namen seien hier dankbar festgehalten:
Johann Baptist Fuchs, Hauptmann und Kantonsrichter, Wees, Triebern (Fochsehambisch), geb. 8.4.1853, gest. 24.10.1912;
Johann Anton Dörig, Triebern (Lehner), geb. 4.10.1838, gest. auf Meglisalp 1.9.1898;
Johann Baptist Inauen, Triebern (Hanesehambisch), geb. 24.1.1826, gest. 17.9.1894.
Diese drei Wackeren kamen öfters nach Feierabend zusammen. Manch andächtiges Ave begleitete ihre Beratungen. Doch stieß der Plan auf größte Schwierigkeiten. Diese lagen nicht in der Platzfrage, denn der Besitzer der Alp, Kirchenpfleger Sutter, zeigte sich sehr entgegenkommend. Gerne hätte er ein nach Platz und Größe ganz beliebig zu wählendes Stück der Alp ohne jede Belastung abgetreten. Die Behörden fanden jedoch den Bau nicht für notwendig, es könne höchstens ein Bildstöcklein in Frage kommen.
Marienliebe aber macht tapfer und erfinderisch. So zog Fochsehambisch mutig zu Exzellenz Bischof Dr. Augustinus Egger in St. Gallen. Er fand dort gütige Aufnahme und den klugen Rat, er solle versuchen, erst das Gnadenbild zurückzubekommen; doch das werde schwer gehen. Den Mutigen helfen Gott und Maria, sann er, und ging für zwei Tage zu P. Eberhard nach Mastrils. Begreiflicherweise sträubte sich der Pater gegen die bedingungslose Herausgabe des Bildes. Er allein wußte, was es ihm war und was seinen Schutzbefohlenen. Der gute Fochsehambisch kehrte ohne das Bild, aber nicht ohne Vertrauen und nicht ohne den Segen der Gottesmutter zu beiden Freunden zurück. Monate vestrichen. Man betete und plante weiter. Auch der Gnädige Herr in St. Gallen wandte sich schriftlich an P. Eberhad. Dieser zeigte sich nun geneigt, dem Wunsch zu entsprechen unter der Bedingung, daß eine Kapelle gebaut werde. Als bei einer abendlichen Besprechung die Nachricht von der möglichen Rückkehr des Gnadenbildes eintraf, haben nach einem Augenzeugenbericht alle drei Initianten vor Freude wie Kinder geweint. Auch weckte das Durchsickern der Kunde allenthalben große Freude und erwirkte bald die obrigkeitliche Erlaubnis zum Kapellbau.
Die drei Initianten sorgten, daß unter Mithilfe ihrer kräftigen Buben Kies, Sand, Ziegel und Steine von Blacken herauf zum Bauplatz getragen wurden. Drei Meister von Appenzell teilten sich in die Maurer-, Zimmer- und Schreinerarbeiten. Nochmals spukte der Böse. Feuer vernichtete das naheliegende Gaden und das darin zugerüstete Holz für die Innnenausstattung der Kapelle, gefährdete sogar diese selbst. Aber noch reichlicher flossen nun die Gaben und Weihegeschenke.
Indessen brachte P. Eberhard selbst einige Tage vor dem 22. Juli 1895 seine kostbare Last ins Kapuzinerkloster nach Appenzell. Kommissär Räss sorgte für ein Fuhrwerk über den Stoß und war bereit zu einer würdigen Kapelleinsegnung mit Ansprache. Der 20jährige Sohn des Gründers der Kapelle, Fochsehambischebueb, hatte die "damals unfaßbare Ehre", das Muttergottesbild in der gleichen Woche vom Kapuzinerkloster aus an Ort und Stelle in den Ahorn zu tragen.
Treuherzig erzählte mir der nun 70jährige rüstige Greis selber: "Der Pater, der mir das Gnadenbild im Klostergang nur zögernd überließ, ermahnte mich sehr ernst: 'Denk wohl, noch nie hatte ein Junge solch ein Glück; erst im Alter wirst du daran denken, was für eine kostbare Bürde du zu tragen gewürdiget warst.' Ungefähr nachmittas drei Uhr langte ich im Ahorn an und im Beisein des Pächters der Weid Ahorn öffnete ich die Kiste. Vor uns erblickten wir mit Ehrfurcht und Staunen das in Samt und Seide gekleidete Muttergottesbild. Als ich es heraushob, gewahrten wir mit Verwunderung den Axthieb und die verkohlte Seite. Mit tiefster Andacht stellte ich dann die Statue auf den Altar. Sogleich begann mein Nebenmann erbärmlich zu schluchzen und zu beten. Nicht wenig erschrak ich. Er aber bat mich, bei ihm über Nacht zu bleiben, denn gewiß werde ein fürchterliches Hagelwetter losbrechen, weil der Senn wieder erscheinen und um Barmherzigkeit flehen werde für seine Versündigung am Bilde. Die Furcht trieb mich nach Hause. Es gab kein Unwetter, kein Geist störte des Sennen Nachtruhe."
Streng war es dem glücklichen Muttergottesträger eingechärft worden, ja über seinen Auftrag zu schweigen. Die Einsegnung verlief möglichst ohne Aufsehen. Auch Kommissär Räss war verhindert, die Einsegnung selbst vorzunehmen. In seinem Auftrag zog gegen Ende Juli 1895 ein einfacher Pater ganz allein über Sonnenhalb nach dem Ahorn,vollzog im Beisein des Alppächters, Andres Anton Manser, die Einsegnung und kehrte über Triebern zurück. Da meldete er dem Fochsehambisch: "So, jetzt wär's in Ordnung!", und zum "Bueb" gewendet: "Dich hätte ich als Ministrant brauchen können!" Die Stellungnahme der kirchlichen Vorgesetzten war immer noch aus Gründen der Klugheit sehr zurückhaltend, vom Gedanken des Ratsherrn in der Apostelgeschichte geleitet: "Ist das Werk Gottes Werk, können wir nichts dagegen; ist es aber Menschenwerk, wird es von selbst zerfallen!"
Und es erwies sich als Gotteswerk! Der hl. Geist erweckte immer zahlreichere Pilger; mit Anliegen schwer beladen zogen sie zum Ahorn. Viele trieb auch die Neugierde, um am Gnadenbild die Spuren der früheren Verwüstungen zu sehen. Bald krönte ein Türmchen das kleine Heiligtum. Ein Glöcklein sendet seither täglich seinen dreifachen Avegruß über Tal und Berge und muntert auf zum Vertrauen auf die Mutter vom Ahorn!
Nun, liebe Mutter vom Ahorn, milde Königin, gedenke, wie's auf Erden unerhört, daß zu dir ein Pilger lenke, der verlassen wiederkehrt!
Maria, "aurora consurgens, austeigende Morgenröte!"

Dienstag, Juli 18, 2006

Die Ackerkapelle


Digitalfotoaufnahme von Heinz Hongler, August 2006

Die jüngste der "Maria-Hilf"-Kapellen der Pfarrei Appenzell steht auf einem Grundstück, das früher Lehensgut war und somit dem Fürstabt von St. Gallen gehörte. Gebaut wurde sie 1901.
Die Kapelle Maria-Hilf im oberen (früher: im kurzen) Acker, Hinterlehn, Gehrenberg, mißt gemäß Jakob Signer 13 m2. Über ihren Bau heißt es auf einer Tafel im Innern:
"Im Jahre 1900 hat Johann Baptist Speck in Schwende diese Kapelle erbauen lassen - 50 Jahre zuvor hatte er, von argem Drüsenleiden behaftet, an dieser Stelle geruht und in seiner Not mit Vertrauen die Hilfe unserer lieben Frau angerufen. Alsbald wurde ihm Linderung und nach 14 Tagen volle Genesung von der langjährigen Krankheit zu teil."
Es dürfte sich bei diesem Joh. Bapt. Speck um den damaligen Besitzer des oberen Ackers gehandelt haben; die Familie Speck kam noch vor 1800 zu dieser Liegenschaft, die bereits im Missale von Appenzell um 1300 verzeichnet ist. 1829 kaufte sie Josef Speck, 1865 Johann Baptist Speck. 1910 kam sie dann auf einer freiwilligen Versteigerung an Johann Baptist Broger, Grund, Gonten, 1918 an dessen Sohn Johann Josef. Verwalter der Kapelle ist seit mehreren Jahrzehnten (seit 1948) Franz Broger-Breitenmoser, Zweibrücken, Gais. Wie er nicht ohne Stolz betont, mußte sie noch nie renoviert werden, hauptsächlich deswegen, weil jedes Jahr kleinere Unterhaltsarbeiten ausgeführt werden.
Die Kapelle, die am Feldweg vom Hinterlehn zum Saul liegt, ist gemäß dem Kunstdenkmälerband über Innerrhoden ein "einfacher Bethäuschentypus". Geweiht wurde sie an einem Maisonntag, nachmittags um 15 Uhr (am 19. Mai 1901). der Altar wurde im Jahre 1908 erstellt, und zwar von Johann Knechtle, Dachdecker in Schlatt, und von Johann Koster, Unterstein, Enggenhütten. Zwei Altarleuchter stammen aus der Zeit der Renaissance; sie werden dem 16. Jahrhundert zugeordnet. Der Kreuzweg in der Kapelle wurde in den dreißiger Jahren von Familie Sutter-Speck, Rapisau, gestiftet.
Wie Franz Broger zur Geschichte ergänzend zu erzählen weiß, baute Joh. Bapt. Speck die Kapelle erst, nachdem er einen Wink von oben erhalten hatte. Speck, ein "Kopflissepes", stürzte nämlich von der Heubühne und brach sich dabei ein Bein - da erinnerte er sich des Versprechens, das er ein halbes Jahrhundert zuvor im jugendlichen Alter von vielleicht 20 Jahren getan hatte.
Im Mai wird übrigens immer noch jeden Sonntag abend eine Maiandacht gehalten, um 18 Uhr, und zwar bei "jedem Wetter", wie Franz Broger betont.


Digitalfotoaufnahme von Heinz Hongler, August 2006

Abgeschlossen sei dieser Beitrag mit einem Gedicht an die Muttergottes, das sich auf der "Gründungstafel" findet.

Wer rief Dich nie vergebens,
Maria, hoffend an?
Du, Mutter alles Lebens,
Du brichst des Todes Bann!
Du trägst auf Mutterarmen
den größten Wunderheld,
Die Gnade, das Erbarmen,
den Trost der ganzen Welt.
Aus: Licht und Freude aus dem Glauben, 1994, Herausgeber: Pfarrei- und Kirchenrat St. Mauritius, Appenzell

Der Innerrhoder Alpsegen