Dienstag, August 01, 2006

Unsere Liebe Frau vom Ahorn - 5


Die erste Ahornkapelle: 1895

Aufsteigende Morgenröte über Ahorn

Es muß unsere liebe Männerwelt beglückend stimmen, daß nicht ein armes Mädchen wie in Lourdes, nicht ein unschuldiger Kinderkreis wie in Fatima der Ahornwallfaht Leben und Antrieb brachte, sondern eine Gruppe wackerer Alpsteinbauern, sorgenbedrückte Familienväter mit glaubensstarkem Sinn und liebwarmem Fühlen für die Mutter Gottes. Ihr wollten sie alles sagen, alles klagen, alles trostgewiß anvertrauen. Die folgenden Ausführungen geben ehrenwörtliche, amtlich beglaubigte Aussagen Nächstbeteiligter wieder.

Der Ahorn lebte seit Jahrhunderten als Gnadenstätte der Gottesmutter, aber kein Heiligtum nahm die hilfsbedürftigen Pilger auf, kein Türmchen wies den weiten Pfad, kein Glöcklein lockte mit hellem Klang, kein sakraler Raum sammelte die vertrauenserfüllten Beter. Längst zitterte das Verlangen darnach in ungezählten Herzen.
Aber es blieb beim Verlangen. Die Alpweide war nach einem mächtigen Ahornbaum benannt, der dort wuchs. In seinem ausgehöhlten Stamm konnte ein Mann stehen. So bot er auch Raum für das ehrwürdige Muttergottesbild. Die rauschende Ahornkrone aber sang von Liebe und Vertrauen zur Mittlerin aller Gnaden. Später fand das Bild in einer Hütte Platz.
Anfangs der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts trieb der Pfingstgeist drei Männer zu ernstem Raten über Plan und Bau einer Kapelle im Ahorn. Ihre Namen seien hier dankbar festgehalten:
Johann Baptist Fuchs, Hauptmann und Kantonsrichter, Wees, Triebern (Fochsehambisch), geb. 8.4.1853, gest. 24.10.1912;
Johann Anton Dörig, Triebern (Lehner), geb. 4.10.1838, gest. auf Meglisalp 1.9.1898;
Johann Baptist Inauen, Triebern (Hanesehambisch), geb. 24.1.1826, gest. 17.9.1894.
Diese drei Wackeren kamen öfters nach Feierabend zusammen. Manch andächtiges Ave begleitete ihre Beratungen. Doch stieß der Plan auf größte Schwierigkeiten. Diese lagen nicht in der Platzfrage, denn der Besitzer der Alp, Kirchenpfleger Sutter, zeigte sich sehr entgegenkommend. Gerne hätte er ein nach Platz und Größe ganz beliebig zu wählendes Stück der Alp ohne jede Belastung abgetreten. Die Behörden fanden jedoch den Bau nicht für notwendig, es könne höchstens ein Bildstöcklein in Frage kommen.
Marienliebe aber macht tapfer und erfinderisch. So zog Fochsehambisch mutig zu Exzellenz Bischof Dr. Augustinus Egger in St. Gallen. Er fand dort gütige Aufnahme und den klugen Rat, er solle versuchen, erst das Gnadenbild zurückzubekommen; doch das werde schwer gehen. Den Mutigen helfen Gott und Maria, sann er, und ging für zwei Tage zu P. Eberhard nach Mastrils. Begreiflicherweise sträubte sich der Pater gegen die bedingungslose Herausgabe des Bildes. Er allein wußte, was es ihm war und was seinen Schutzbefohlenen. Der gute Fochsehambisch kehrte ohne das Bild, aber nicht ohne Vertrauen und nicht ohne den Segen der Gottesmutter zu beiden Freunden zurück. Monate vestrichen. Man betete und plante weiter. Auch der Gnädige Herr in St. Gallen wandte sich schriftlich an P. Eberhad. Dieser zeigte sich nun geneigt, dem Wunsch zu entsprechen unter der Bedingung, daß eine Kapelle gebaut werde. Als bei einer abendlichen Besprechung die Nachricht von der möglichen Rückkehr des Gnadenbildes eintraf, haben nach einem Augenzeugenbericht alle drei Initianten vor Freude wie Kinder geweint. Auch weckte das Durchsickern der Kunde allenthalben große Freude und erwirkte bald die obrigkeitliche Erlaubnis zum Kapellbau.
Die drei Initianten sorgten, daß unter Mithilfe ihrer kräftigen Buben Kies, Sand, Ziegel und Steine von Blacken herauf zum Bauplatz getragen wurden. Drei Meister von Appenzell teilten sich in die Maurer-, Zimmer- und Schreinerarbeiten. Nochmals spukte der Böse. Feuer vernichtete das naheliegende Gaden und das darin zugerüstete Holz für die Innnenausstattung der Kapelle, gefährdete sogar diese selbst. Aber noch reichlicher flossen nun die Gaben und Weihegeschenke.
Indessen brachte P. Eberhard selbst einige Tage vor dem 22. Juli 1895 seine kostbare Last ins Kapuzinerkloster nach Appenzell. Kommissär Räss sorgte für ein Fuhrwerk über den Stoß und war bereit zu einer würdigen Kapelleinsegnung mit Ansprache. Der 20jährige Sohn des Gründers der Kapelle, Fochsehambischebueb, hatte die "damals unfaßbare Ehre", das Muttergottesbild in der gleichen Woche vom Kapuzinerkloster aus an Ort und Stelle in den Ahorn zu tragen.
Treuherzig erzählte mir der nun 70jährige rüstige Greis selber: "Der Pater, der mir das Gnadenbild im Klostergang nur zögernd überließ, ermahnte mich sehr ernst: 'Denk wohl, noch nie hatte ein Junge solch ein Glück; erst im Alter wirst du daran denken, was für eine kostbare Bürde du zu tragen gewürdiget warst.' Ungefähr nachmittas drei Uhr langte ich im Ahorn an und im Beisein des Pächters der Weid Ahorn öffnete ich die Kiste. Vor uns erblickten wir mit Ehrfurcht und Staunen das in Samt und Seide gekleidete Muttergottesbild. Als ich es heraushob, gewahrten wir mit Verwunderung den Axthieb und die verkohlte Seite. Mit tiefster Andacht stellte ich dann die Statue auf den Altar. Sogleich begann mein Nebenmann erbärmlich zu schluchzen und zu beten. Nicht wenig erschrak ich. Er aber bat mich, bei ihm über Nacht zu bleiben, denn gewiß werde ein fürchterliches Hagelwetter losbrechen, weil der Senn wieder erscheinen und um Barmherzigkeit flehen werde für seine Versündigung am Bilde. Die Furcht trieb mich nach Hause. Es gab kein Unwetter, kein Geist störte des Sennen Nachtruhe."
Streng war es dem glücklichen Muttergottesträger eingechärft worden, ja über seinen Auftrag zu schweigen. Die Einsegnung verlief möglichst ohne Aufsehen. Auch Kommissär Räss war verhindert, die Einsegnung selbst vorzunehmen. In seinem Auftrag zog gegen Ende Juli 1895 ein einfacher Pater ganz allein über Sonnenhalb nach dem Ahorn,vollzog im Beisein des Alppächters, Andres Anton Manser, die Einsegnung und kehrte über Triebern zurück. Da meldete er dem Fochsehambisch: "So, jetzt wär's in Ordnung!", und zum "Bueb" gewendet: "Dich hätte ich als Ministrant brauchen können!" Die Stellungnahme der kirchlichen Vorgesetzten war immer noch aus Gründen der Klugheit sehr zurückhaltend, vom Gedanken des Ratsherrn in der Apostelgeschichte geleitet: "Ist das Werk Gottes Werk, können wir nichts dagegen; ist es aber Menschenwerk, wird es von selbst zerfallen!"
Und es erwies sich als Gotteswerk! Der hl. Geist erweckte immer zahlreichere Pilger; mit Anliegen schwer beladen zogen sie zum Ahorn. Viele trieb auch die Neugierde, um am Gnadenbild die Spuren der früheren Verwüstungen zu sehen. Bald krönte ein Türmchen das kleine Heiligtum. Ein Glöcklein sendet seither täglich seinen dreifachen Avegruß über Tal und Berge und muntert auf zum Vertrauen auf die Mutter vom Ahorn!
Nun, liebe Mutter vom Ahorn, milde Königin, gedenke, wie's auf Erden unerhört, daß zu dir ein Pilger lenke, der verlassen wiederkehrt!
Maria, "aurora consurgens, austeigende Morgenröte!"

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